Mein Lied

Peter Rosegger · Kapitel 96 von 139

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Mein Lied

Ist der Mensch nicht wie die Schwalbe?

Und will ich mich im Sinnen, traun, versenken,

So ist mir das Gefühlte schnöd verschwunden.

Und was es ist, das mir so zart entsprossen?

Ich weiß es nicht und kann es nicht enthüllen;

Der Seele reinster Teil nur kann es fühlen,

Und tief in meinem Herzen liegt's verschlossen.

 

Ist der Mensch nicht wie die Schwalbe?

*

Ist der Mensch nicht wie die Schwalbe? —

Mit dem Lenze fliegt er an

Und verjubelt einen Frühling;

— Heißer Sommer quält den Mann.

Wie die Schwalbe an dem Neste,

Baut er flink an seinem Glück,

Muß um seine Reiser, Blätter

Ringen mit dem Mißgeschick. —

Leise kommt der Herbst geschlichen;

Von des Lebens reifem Baum

Reißt der Sturm die Frucht des Schaffens,

Und der Mensch erwacht vom Traum.

Sieh, am Scheitel seines Hauptes

Wird es weiß — der erste Schnee;

Matt und düster blickt das Auge,

Ach, es friert der klare See. —

Und er fühlt ein eigen Heimweh,

Fremd wird ihm die Bruderhand; —

Wie im Herbst die Schwalbe, zieht er

Heim ins ewige Frühlingsland.

 

Mir graut vor dem Gemeinen.