Mein Lied

Peter Rosegger · Kapitel 89 von 139

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Mein Lied

Des Sängers Verzweiflung.

Eins nur, laß die Leute schauen

Nie in deines Herzens Auen.

Deines Gartens schönste Blüte,

Holde Rosen im Gemüte

Würden sie auf Graswert messen

Und mit plumpen Schnauzen fressen.

 

Des Sängers Verzweiflung.

Während eines blutigen Krieges.

Am erstbesten Eichbaum zerschlag' ich die Leier! — Zerberste, zerschelle in schnöde Scherben,

Stöhne, schrille im Sterben zum letztenmal falschen Gesang! —

Da sangen die Saiten

Von grünender Erde! —

Rot muß sie sein, von Menschenblut rot sein!

Schießt und stecht und schlaget sie nieder

Die Menschen, die elenden, wo ihr sie findet!

Auf furchigen Feldern,

Bei goldenen Garben,

Heiteren Herzens im Schäferhaine;

In brausender Werkstatt voll regen Fleißes,

Auf rollenden Rädern,

Auf wogenden Wellen in Handel und Wandel;

Auch zwischen den Wänden der Schule, des Wissens, Im Tempel der göttlichen Kunst, erglühend

Im Schönen und Wahren.

Wo ihr sie findet, trotzig sich freuend, die Menschen, Schießt und stecht und schlaget sie nieder!

Was soll sie, die flackernde Flamme

Am häuslichen Herde?

Befreit sie und pflanzt die lebendigen Fahnen

Auf Türme und Dächer,

Auf prangende Zinnen stolzer Paläste!

Was lohet und leuchtet entfachet zu Lunten,

Gebilde der Menschen schmelzt ein in den Gluttopf.

Da sangen die Saiten

Von blauem Himmel voll Sonnen und Sterne!

Rot muß er sein, der herrliche Himmel muß rot sein! Tauchet die Pinsel in brennende Städte

Malet mit lohen Gluten den Himmel;

Wölbet mit Wolken des wogenden Rauches

Den Flammenofen über der Erde,

Daß keine der sengenden Sonnen, der stechenden Sterne Keiner uns trübe das Schauspiel!

Da sangen die Saiten

Von rosigem Antlitz der Jugend.

Sie sangen von Liebe im Herzen, von Lust in der Brust wohl, Von trautester Treue, bis einstmals der Tod trennt. — Fehde den lugvollen, trugvollen, gleißenden Saiten! Im Herzen ist Haß.

In der Brust brausen Brände!

O reißt auseinander die liebeträumenden Leben.

Das Weib mag weinen und welken,

Der Mann muß erbleichen — und brechen die Liebe. Reißet den Sohn vom sehnenden Herzen der Mutter, Einsam sollen sie sterben und starrenden Auges verwesen!

Haß dem Guten, dem göttlich Gerechten,

Haß dem Hohen und Holden!

Im Herzen ist Haß,

Entfachet zur flammenden Tat ihn:

Die Lebenden tötet, die Toten rächet,

Daß ewige Rache die Menschheit richte! —

Da sangen die Saiten

Von Leben und Liebe,

Von Friede und Freude,

Von wahrer, erhabener Menschenvollendung!