Mein Lied
Sei gegrüßt, du himmlischer Knabe!
Das Schicksal geht in Zickzack.
Ein Vorwärts und ein Rückfall,
In Zickzack geht das Schicksal.
Der Zahn der Zeit,
Man sagt, er nagt
An meinem Sein.
Er nagt schon lang,
Mir ist nicht bang,
Er nagt umsunst,
Das Sein ist mein.
Mein Sein war einst, mein Sein ist heut,
Mein Sein ist ewige Ewigkeit.
Sei gegrüßt, du himmlischer Knabe!
Eine Weihnachtsandacht.
Christkind, bist da; bist endlich nach langen traurigen Tagen wiedergekommen zu uns herab.
Ich hab' dich ersehnt als wie ein Kind; denn ich bin ein Kind mit weißen Haaren.
Nun hör' ich dich rauschen in diesen Zweigen; vor deinem süßen, warmen Odem flackern die Lichter des heiligen Weihnachtsbaums.
O, sei gegrüßt, du himmlischer Knabe, der du mit den sonnigen Äuglein die schweren Nebel durchleuchtest, die hier im Tale des Tränentaues nimmermehr wollen schwinden.
Ich möchte dich wärmen an meinem Herzen, und muß mich fürchten, der menschlichen Leidenschaft stürmische Gluten könnten versengen dein lockiges Haar. Denn du bist gewohnt des ewigen Frühlings milden Hauch; o Gotteskind, bei dir daheim muß es schön sein!
Oft hör' ich es leis in den Lüften klingen, als wie ein Läuten und Grüßen von oben.
Dann faßt mich das Heimweh, und wie ein verirrtes Kind in der Nacht ruf' ich und such' ich den Weg zu den Wohnungen Gottes.
Erzähl nun, erzähle, du holder Bote des Himmels, was waltet dein Vater, der ewige Herr?
Fast fürcht' ich, der Vater hätt' unser vergessen, denn wie den Sonnenstrahl vor Wetterstürmen, seh' ich auf Erden das Göttliche schwinden.
Gerechtigkeitsfreude ging uns verloren und reiner fröhlicher Sinn.
Die Kunst wühlt im Staube, die kindlichen Herzen verkümmern.
Wenn du, o mein süßer, heiliger Christ, von Zeit zu Zeit nicht kämest gesandt, es müßte der Pfad zwischen Himmel und Erden doch gänzlich verwildern.
Und mich verlangt es so heiß nach Kunde von oben, was all die Teueren, die uns verließen, denn machen im Lande der ewigen Liebe.
Mein Mütterlein treu; sie muß schon vor Zeiten angelangt sein auf mühevollen Krücken.
Zwar war sie fast blind, doch hat sie — das weiß ich — den Weg nicht verfehlt.
Wie geht's ihr? Singt sie noch immer die lustigen Lieder? Was werden die Engelein horchen und lachen! Was war das ein Spaß, wenn sie hat erzählt und gesungen! Und ernsthaft blieb sie dabei, denn taub war sie völlig und hat — wie ich meine — ihr fröhliches Singen und Sagen selbst nicht vernommen.
Und daß ich noch frage: Habt ihr ein Krankes im Himmel?
Wenn sie nicht Kranke kann warten, die Mutter, wachen die Nächte und sorgen und sich von dem Munde die Bissen abkargen, so ist sie nicht glücklich.
Sie wird es schon sein.
Denn sag ihr, sie hätte auf Erden jetzt Enkelein süß; dieselben, die heute, o Christkind, dein strahlendes Bäumchen umjauchzen. Und sag es der Mutter: wir lassen sie grüßen!
Dann wirst du, mein himmlischer Knabe, auch einem Frauenbild noch sein begegnet, jung wie der Mai, hold wie ein Engel; wirst es kaum glauben, daß sie auf Erden geboren.
Im Reigen der Reinsten und Seligsten, der treuen, opferfreudigen Seelen ist sie zu finden.
Du lächelst, mein Christkind, sahest sie schweben im weißen, myrtendurchwirkten Kleide.
Ein Antlitz, so zart, wie Kirschbaumblüh' — sie ist's! — und Augen, so sanft und seelentief — es muß sich darin ja Gatte und Kind noch spiegeln?
So bist ihr begegnet im himmlischen Land, wie einsam vielleicht sie gewandelt in stillen Hainen, und wartend.