Mein Lied
Mein süßes Kind, du weißt noch nicht ...
Da hüpft mein liebes, lockiges Kind
Im grünen, sonnigen Rosenhag,
Umblüht von Knösplein schwellend hold,
Umschallt von hellem Lerchenschlag.
Sein Äuglein strahlt, sein Mündchen jauchzt
In unbewußter Lebenslust.
Mein süßes Kind, du weißt noch nicht,
Wie bald du wieder sterben mußt.
Wie sieht sich doch im Wahn des ewigen
Lebenstags ein Frühling an?
Du fühlst, was aufblüht — doch was welkt?
Zu Grabe sinkt? Du denkst nicht dran.
Ein junger Gott bist heute noch;
Wie wirst du dich entsetzen, Kind,
Wenn dir die erste Botschaft kommt,
Daß alle Wesen sterblich sind.
Ach, ich verschweig' dir, was ich weiß,
Nur blick mir nicht ins Aug' hinein,
Es könnt' sich spiegeln drinnen noch,
Was ich gesehn im schwarzen Schrein. —
O, leb in Glück, mein Kind! Und erst
Wenn du von allem, allem satt,
Erst dann vernimm, was Gott für dich
In seiner Lieb' bereitet hat.
Zum Weihnachtsbaum.
Ein Herzensgruß allen kindlichen Gemütern.
*
Friede war im Wald und jeder Baum beglückt Durch schöne, reife Frucht, womit der Herbst geschmückt Die Äste all, daß jeder Zweig sich bieget,
Bis hoch hinauf, wo leis' die Krone wieget.
Doch höret: wo's zum Segen will gedeihn,
Da findet sich auch gern der Hochmut ein
Und selbst der Neid. Und jeder wollt' sich prahlen, Daß s e i n e Frucht die schönste sei von allen; Und jeder hing an seine längsten Äste
Als stolzes Aushängschild der Früchte beste.
Es war ein herrlich Wogen bis zur Spitze,
Ein Wetten, wer das Feinste wohl besitze. —
Nur Eines litt im Wald viel Weh und Gram
Und barg sich ins Gesträuch voll tiefer Scham.
Ein Tannenbäumchen war's, gar schmächtig, schlank, Wohl aller Früchte, auch der ärmsten, blank;
Und während andere stolz im vollen Prangen,
Hatt' es an seinem Stamm nur Nadeln hangen,
Nur dunkelgrüne Nadeln, zart und spitz;
Sie stachen leicht, doch schärfer stach der Witz
Der andern, und ihr Höhnen, schal und widrig,
Dieweil das Bäumchen, ach, so arm und niedrig. Es flüsterte der Wald sich in die Ohren
Vom Taugenichts, der da umsonst geboren,
Und warf ihm boshaft gar zu Spott und Schmach Die ersten gelben, dürren Blätter nach.
Das schnitt dem Bäumchen tief ins junge Herz,
Es wollte schier vergehn in Leid und Schmerz
Und weinte, tiefbedrängt vom Weh, dem schweren, Das Harz heraus, die bittersten der Zähren. —
So duldete das Bäumchen still und fromm;
Da zog hernieder durch den nächtigen Dom
Ein Engel aus des Himmels heiligen Hainen,
Der sah den armen Dulder schmerzlich weinen.
Er ließ sich erdenwärts vom weiten Raum
Zur armen Tanne, sprechend: »Liebster Baum!
Du warst bisher verachtet und verflucht,
Doch tragen wirst du noch die schönste Frucht,
Die je ein Baum getragen hier auf Erden,
Du sollst der Baum der höchsten Freude werden!« —