Rostem und Suhrab

Friedrich Rückert · Kapitel 99 von 113

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Rostem und Suhrab

Kapitel 104

Vermag er dann zu Fall ihn wiederum zu bringen;

Dann ists erlaubt, ist Sitt und Recht, ihn umzubringen.

So sprach er, und ich gab auf dieses Wort ihn frei,

Daß er mir erst erlegt im zweiten Gange sei!

So sprach Suhrab vergnügt; doch Barman sah das Walten

Des Himmels, daß Rostem für Iran sei behalten.

Zu Suhrab sprach er: Weh! du bist des Lebens satt:

Ein Glück begegnet nie zweimal an Einer Statt.

Den Pardel ließest du entspringen aus den Schlingen,

Darein ihn Gott dir gab: nun wird er dich verschlingen!

So sprach er misvergnügt, und wendete sich ab

Vom Knaben rasch, den er nunmehr verloren gab.

Er gieng hinweg, und sprach: Das Schicksal mag es lenken

Mit ihm, wies ihm gefällt! ich will das Heer bedenken.

 

104.

 

Auf einem Felsenthron saß dort der Geist und sah,

Das Tal herauf ein Mann kam seinem Sitze nah.

Voll Muts und unmutsvoll umschauend kam er bei;

Da merkte wol der Geist, daß er gesuchet sei.

Ein Abendnebel lag als Helm auf seinem Haubte;

Den hob er weg, indem er mit dem Atem schnaubte.

Auf seinem Throne saß der Geist nun unverhüllt,

Doch finster, von des Bergs verborgner Kraft erfüllt.

Den Rostem rief er an: Wen und was suchst du? sprich!

Darauf sprach Rostem: Dich und meine Kraft such ich.

Ich seh und kenne dich, wie ich dich schon geschaut;

Du bist nicht seit der Zeit gealtert noch ergraut;

Doch kennst du mich? und weißt, was ich dir anvertraut?

Mit düsterm Lächeln gab zur Antwort ihm der Geist:

Ich kenne dich nicht mehr, Rostem! du bist ergreist.

Doch was bemühest du die alten Heldenglieder

Zu mir? Tehemten sprach: Gib meine Kraft mir wieder!

Bis heute kam ich aus mit dem, was ich gespart;