Rostem und Suhrab
Kapitel 71
An allen Gliedern stark war er und hoch von Wuchs,
An allen Sinnen scharf, von Augen wie ein Luchs.
Er sah bei Nacht alswie bei Tag; und zu dem End
Entsendete sie auch mit ihrem Sohn den Send,
Damit, wenn Suhrab nun gekommen in die Nähe
Von Rostem wäre, Send den Vater ihm erspähe.
Er hatte Rostem selbst gesehn an jenem Tag,
Wo in Semengans Schloß er saß beim Gastgelag,
An jenem Abende, wo in der Nacht ihm kam
Tehmina, die als Weib er in die Arme nam.
Den Suhrab zeugt' er ihr, und als der Morgen graute,
Ritt er von dannen, den nie mehr die Gattin schaute.
Nun sandte sie den Sohn, den Vater dort zu schaun,
Und alles sagte sie dem Vetter im Vertraun.
An Suhrabs Seite nun trank er den Wein mit Schweigen,
Und dachte, morgen woll er ihm den Vater zeigen!
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Send aber sendete den Blick umher des Luchses,
Und nam im Dunkeln war die Lauer eines Fuchses.
Er sah dort einen Mann, der ihm verdächtig schien,
Stand auf vom Sitz und gieng, um zu besehen ihn.
Da fand er einen Mann, von Ansehn ganz gewaltig
Und riesenmäßig, elefantenleibgestaltig.
Niemals erinnert' er sich einen solcher Art
Mit Augen je gesehn zu haben und gewart;
Es wäre denn allein Rostem, an jenem Tag,
Wo in Semengan er ihn sah beim Gastgelag.
Doch dieser trug am Leib ein türkisches Gewand;
Wiewol sein Blick an ihm nicht Türkensitte fand.
Send rief ihn an: He da! warum hier also schleichst du
Im Finstern, guter Freund, und aus der Hell entweichst du?
Kehr einmal dein Gesicht her gegen mich ans Licht!
Gib Antwort! – Aber Antwort gab ihm Rostem nicht.
Da streckte kühn, um ihn zu greifen, Send die Hand,
Und fortziehn wollt er ihn am türkischen Gewand.
Tehemten aber zuckt' empor des Armes Keule,
Womit er schon im Kampf geschlagen manche Beule;
Damit gab er dem Send solch einen Schlag aufs Haupt,
Daß Send am Boden lag leblos des Sinns beraubt.
Suhrab indessen saß beim Mal, und Wunder nam
Es ihn, wo Send hingieng und noch nicht wieder kam.
Deswegen vom Gesind entsendete behend
Er einen, nachzusehn, wohin gekommen Send.
Der abgesendete lief eilig hin, und fand
Dort leblos sinnberaubt den Send gestreckt im Sand.
Der Diener lief bestürzt zum Herrn zurückgewendet,
Laut rief er aus: Der Send ist in den Tod gesendet;
Für Send ist aus der Schmaus, und das Gelag geendet.
Entsetzt vom Sitze sprang Suhrab, und eilte jach
Dahin, ihm eilten all des Festes Fackeln nach.
Bei aller Lichter Glanz sah da Suhrab erschlagen
Den lieben Freund; von wem? das kont ihm niemand sagen. 72.