Rostem und Suhrab
Kapitel 12
Drum vor Afrasiab beware dieß im Stillen!
Den Sohn verderben möcht er um des Vaters willen.
Den Vater hab ich schon verloren, liebes Kind,
Verlör ich auch den Sohn, so wär ich sänfter blind.
Sei stolz, doch sag es nicht, wer deine Ahnen sind!
12.
Doch Suhrab sprach: Wer birgt die Sonn im Weltenring?
Unmöglich wird geheim gehalten solches Ding.
Von einer Heldenabkunft, Mutter, dieser gleich,
Zu schweigen, wäre dir und mir nicht ehrenreich.
Was, Mutter, hast du selbst gehalten lange Zeit
Geheim die Abkunft mir von solcher Herrlichkeit?
Denn alle Kämpen jetzt, die jungen und die alten,
Nur Rostem ists von dem sie Kampfgespräche halten.
Von allen Namen ward zuerst mir seiner kund,
Ich hörte seinen Ruhm aus seiner Feinde Mund.
Wer jenen Riesen schlug? dieß Zauberschloß zerstörte?
Nur Rostem, was ich frug, Rostem war, was ich hörte,
Stets mit Bewunderung, und oft mit Neide gar,
Mit Aerger! wußt ich denn, daß er mein Vater war?
Nun aus Semengan hier, und dort aus Turans Marken,
Versamml' ich all ein Heer der Mutigen und Starken.
Nach Iran will ich ziehn und von dem dunkeln Staube
Der Schlacht dem lichten Mond aufsetzen eine Haube.
Aufrütteln von dem Thron will ich den Keikawus,
Und schlagen aus dem Feld den alten Feldherrn Tus.
Wenn Rostem will, geb ich ihm Thron und Kron und Schatz,
Und laß ihn sitzen auf Keikawus' Fürstenplatz.
Von Iran zieh ich dann nach Turan kampfbereit,
Und fordere den Schah Afrasiab zum Streit.
Vom Throne stürz ich ihn alswie ein Blitz herab;
Die Sonne lang' ich mit der Lanzenspitz herab.
O Mutter, aber dich, du höre meinen Schwur an, Mach ich zur Königin von Iran und von Turan.