Rostem und Suhrab
Kapitel 75
Dir wird ein Ehrenkleid von mir und Ehrenplatz.
Und sagst du das mir nicht, so bleibt auf deinem Rumpf
Dein Haupt nicht, oder mir wird ehr die Klinge stumpf!
Zur Antwort gab Hedschir: Was säumst du lange? frage!
Wiß, daß ich weder lüge, noch vorm Tode zage.
75.
Da hob zu fragen an Suhrab: Dort in der Mitte
Wes ist das Prachtgezelt von lauter Gold? ich bitte!
Fest steht es hingepflanzt recht in des Heeres Herz;
Von ihm durchs Lager gehn die Straßen allerwerts.
Auf allen Straßen nahn wie grüßende mit Bitten,
Und gehn wie dankende davon mit leichten Schritten.
Ganz Goldglanz ist das Zelt vom Fuß zum Knauf hinan,
Und weit wie ein Palast allseitig aufgetan.
Vor jedem Eingang liegt, wie Hündlein zahm und treu,
Im goldnen Band geschmiegt, ein Tiger und ein Leu.
Doch oben sitzt ein Aar, aus dessen Krallen steigt
Die Fahn empor, in der der Sonne Bild sich zeigt.
In solcher Wohnung kann kein kleiner und gemeiner
Wirt wohnen, wie mir dünkt; was wohnt darin für einer?
Da hob Hedschir sein Haupt, voll Stolz auf Irans Macht,
Und sprach: Dort wohnt der Schah in seiner Größ und Pracht.
Sein Thron ist Tag und Nacht von seinen treuen Leuen
Umhütet und umwacht, und darf nicht Feinde scheuen.
Doch fort zu fragen fuhr Suhrab: Zur linken Hand
Vom Goldgezelt, wes ist des Zeltes Silberwand?
Mit offnem Eingang steht gewandt zum goldnen Zelt
Sein Tor, wo Leopard und Panther Wache hält.
Doch oben trägt ein Greif in Silberklaun empor
Die Fahn, in der ein Mond; wer ist, der das erkor?
Zur Antwort gab Hedschir: Das ist des Schahes Sohn,
Ferabors, ihm der nächst am Herzen und am Thron.
So recht! rief Suhrab aus: wo so zusammen hält Ein Vater und ein Sohn, verteilen sie die Welt.