Rostem und Suhrab
Zwölftes Buch.
Z w ö l f t e s B u c h .
111.
Hilfeile flügelte des greisen Boten Fuß,
Schnell bracht er an Kawus von Rostem Bitt und Gruß:
Von Rostem ist Suhrab, der Sohn Rostems, erschlagen;
Der Sieg am Feinde hat dem Vater Weh getragen;
Er wehklagt laut, und alle, die ihn sehn, wehklagen.
Er bittet dich durch mich, und all wir andern bitten:
Wenn Rostem je für dich gekämpft hat und gestritten,
Komm ihm zu Hilfe jetzt im Weh, das er erlitten!
Vom Lebensbalsam, der dem Kaukasus entquillt,
Den du im Schatze hast, der Todeswunden stillt,
Gib ihm drei Tropfen schnell, so du ihn retten willt!
Doch langsam sprach der Schah: Gottlob, der Sorg entkettet
Bin ich und aller Furcht, da Rostem ist gerettet;
Im Staube liegt sein Feind, da ist ihm wol gebettet.
All meinen Balsam gäb ich ja für Rostems Leben;
Doch keinen Tropfen werd ich einem Türken geben.
Rostem für Iran ist schon stark genug allein;
Mit solchem Sohn vereint, möcht er zu stark uns sein.
Der stolze Mann, soll ich ihm diesen Dienst erzeigen,
So muß er selber nahn und mir zu Fuße neigen!
Er sprachs, und jener sah des Königs harten Sinn,
Von seinem Flehen sei zu hoffen kein Gewinn;
Die üble Antwort trug er schnell zu Rostem hin:
Der Schah ist herbgelaunt; er will für Rostems Leben
All seinen Balsam, doch nicht einen Tropfen geben
Für Rostems Sohn. Soll er dir diesen Dienst erzeigen,
So mußt du selber gehn, und ihm zu Fuße neigen.