Rostem und Suhrab
Kapitel 25
Er kann einmal im Feld mir meinen Vater zeigen,
Auch hier die Stelle wol, die Mauer zu ersteigen.
Wenn er die Burg mir will, und was darin ist, geben,
Als schlechten Preis dafür laß ich ihm gern das Leben.
So sprach er und begann zu binden ihn mit Stricken,
Und den gefeßelten dem Lager zuzuschicken.
Im Lager kam er an zugleich mit Baruman,
Der in Semengan kurz die Rast hatt' abgethan.
Er war in Eile dem ihm von Afrasiab
Zur Hut empfolnen nachgeeilt mit Heerestrab;
Und war nur eben recht gekommen um zu sehn
Die Frucht des ersten Kampfs, der durch Suhrab geschehn.
Wie er gefeßelt sah die stolzen Heldenglieder,
Die jener schlug in Band, schlug er die Augen nieder.
Er staunt' und freute sich, und fühlte Scham und Reu,
Daß er nicht gegen ihn sein durft aufrichtig treu.
Im Lager aber war von Türken alt und jung
In jedem Munde laut Suhrabs Bewunderung.
Es priesen seinen Sieg, die den Besiegten sahn,
Und jetzo sahn sie selbst den Sieger schweigend nahn.
Ins Lager langsam ritt er auf dem Roß zurück,
Und hörte kaum, wie sie ihm riefen Heil und Glück.
Er dacht an viel, was ihm der Himmel nicht beschied,
An seinen Vater bald, bald an Gurdaferid.
25.
Von Siegesfreude war das Türkenlager voll,
Derweil im weißen Schloß ein Wehgeschrei erscholl.
Ein Wehgeschrei erscholl darin von Mann und Weib
Um den mit Schmach im Kampf verlornen Heldenleib.
Ein Wehgeschrei erscholl im ganzen Schloße drinnen,
Allein Gurdaferid stand schweigend an den Zinnen.
Sie schaute schweigend nach der Stelle noch, wo brach
Den Perserstolz ein Türk, der ihn vom Sattel stach;