Rostem und Suhrab

Friedrich Rückert · Kapitel 86 von 113

PDF-Seiten

Rostem und Suhrab

Kapitel 91

 

Da stürzt' er sich, wie sich ein Wolf stürzt auf die Herde

Der Schaf', aufs Turanheer, zu würgen mit dem Schwerde.

Und Suhrab, als ers sah, da warf er, wie ein Tieger

Sich auf die Rinder wirft, sich auf die Iranskrieger.

Den ersten, den er traf, streckt' er in Todesschlaf,

Den zweiten, dritten auch, und jeden, den er traf.

Doch Rostem, als er dort ans Heer von Turan kam,

Hielt plötzlich an den Rachs, zurück hielt ihn die Scham

Und Ueberlegung, wie es nun dem Kawus gienge,

Wenn jener Türk im Heer erst an zu morden fienge?

Dem selber Rostem kaum im Kampfe konte stehn;

Wie sollten seiner Wut die andern dort entgehn!

Drum, ohn ein Tröpflein Blut von Türken zu versprützen,

Umwandt er mit dem Rachs, die Perser zu beschützen.

Den Suhrab im Gewühl sucht er und fand, und schaute,

Wie auf der Flur Smaragd er Blutrubinen thaute.

Ihn rief er zürnend an: Was kühlst du deine Hitze

Am schwachen Volk, das dir nicht bieten darf die Spitze?

Was haben, tobender, die Leute dir getan,

Die du mit unversehnem Kampf hier rennest an?

Doch Suhrab sprach erstaunt: Ei, alter Held unhuldig,

Sind nicht am Kampfe dort die Türken auch unschuldig?

Warum hast du auf sie geworfen deine Wucht?

Wer hat von ihnen Streit an dich zuerst gesucht?

Doch willst du wieder nun zu mir zurück dich wenden,

So komm, laß uns das Werk erneuen und vollenden!

Doch Rostem sprach: der Tag hat sich geneigt zur Nacht;

Die ist zur Ruh gemacht, und nicht zum Werk der Schlacht.

Gehorchen wir der Nacht! doch wann im Osten lacht

Das goldne Schwert, von dessen Glanz die Welt erwacht,

Erneuern wir die Schlacht! sei mir hieher bestellt!

Hier stell ich morgen mich; jetzt geh, wohins gefällt!

Hier soll zu Fuß ein Faust- und Ringkampf uns vereinen,

Und als Zuschauer mag dieß Heer und jen's erscheinen;