Rostem und Suhrab

Friedrich Rückert · Kapitel 84 von 113

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Rostem und Suhrab

Kapitel 89

Sie schieden sich, voll Weh der Vater, und das Kind

Voll Schmerz: sie hatten sich begegnet ungelind.

Die Rosse langsam ließen sie bei Seite laufen,

Um von der stürmischen Begrüßung zu verschnaufen.

Suhrab im Herzen sprach: Der da so grimmig drein

Auf mich geschlagen hat, kann nicht mein Vater sein.

Zwar alle treffen ein die Zeichen, die von ihm

Die Mutter gab, nur sprach sie nichts von solchem Grimm.

Zum Gatten hätte nie genommen ihn Tehmine,

Wär er gekommen ihr mit solcher Löwenmiene.

Er sagt es selbst: er ist der Mann, der mir erschlagen

Den Vetter hat, der mir den Vater sollte sagen.

Den Vetter wollt ich ja an seinem Mörder rächen;

Und was nun hindert mich, zu lösen mein Versprechen?

Doch Rostem sprach bei sich: Ei, wäre der mein Sohn;

Von ihm zerbleut, hätt ich nun meiner Thaten Lohn!

Den hat kein menschliches, ein Riesenweib getragen;

Wie ich so alt erst war, konnt ich noch so nicht schlagen.

Nim dich zusammen nun und wehr dich, alter Held!

Denn zu Zuschauern hast du beide Heer im Feld.

Es wär ein Spuck, wenn mirs mit diesem Türken fehlte,

Und in Semengan ers einst meinem Sohn erzählte!

Denn, wer ich bin, wird er am Ende doch erfaren,

Wielang ich auch vor ihm mag das Geheimnis waren.

So sprachen sie, indem sie sich erholten jetzt

Von Streichen, welche Sohn und Vater sich versetzt;

Die Rosse hatten so einander nicht verletzt.

Sie hatten sich geschont, und waren nur benetzt

Vom Schaume, weil zum Kampf die Reiter sie gehetzt.

Die hatten nun beiseit ein wenig ihren Streit

Gelegt und waren schon zu neuem Weh bereit.

 

89.

Nunmehr begannen sie, wie um sich zu erholen,

Ihr Schützenkampfgerät gemach hervor zu holen.

Zum Köcher langten sie, und zogen ihre Bogen,

Und von der Senne kam Pfeil gegen Pfeil geflogen.

Im Fluge trafen sich die zwei, und sanken nieder;

Doch andre rüsteten schon Sohn und Vater wieder.

Die Pfeile regneten, dicht, wie bei rauhem Wetter

Des Herbstes unterm Baum hernieder rieseln Blätter;

Wie wenn am Frühlingstag des Landmanns Bienen schwärmen,

Wann rings das Bienenhaus des Mittags Stralen wärmen;

Wann sich die Einigkeit des Brudervolks zerschlug,

Die Honig mit gemeinschaftlichem Fleiß eintrug,

Sich nun vom alten Stock der junge Stamm lossagt,

Und auf gut Glück den Flug mit eignem Weisel wagt:

So nun mit einem Schwarm geschärfter Stacheln wandten

Zum Kampfe sich die mutentbranten Blutverwandten.

Sie spannten, legten an und schoßen ab, und spannten,

Indem mit jedem Pfeil sie sich Zornblicke sandten.

Sowenig aber als ein Blick, sowenig leid

Tat ihnen auch ein Pfeil am festen Wehrgeschmeid;

Sie schüttelten mit Scherz den Staub vom Waffenkleid,

Die Köcher raßelten, und ihre Schätze klirrten;

Die Sennen winselten, und ihre Bogen schwirrten,

Die laut im Fluge gleich blutgierigen Vögeln girrten.

Nicht kamen sie zum Zweck, die doch vom Ziel nicht irrten.

Alswie der Sonne Pfeil prallt ab vom Felsgestein,

Ihm dringen kann er nicht ins feste Fleisch und Bein,

Und an der obern Haut erhitzt er ihn allein:

So drangen dort nicht ein die Pfeil, und prallten ab,

Und mehr in Hitze nur kam Rostem und Suhrab.

Mit goldnen Spitzen war, gleich Stralen, jeder Schild

Besetzt, und leuchtete recht wie der Sonne Bild.

Doch als es sie verdroß, vergebens nur die Scheibe

Zu treffen, ließen sie nunmehr vom Zeitvertreibe,

Und giengen, Ross und Mann, ernsthafter sich zu Leibe.