Rostem und Suhrab
Kapitel 107
In Purpurwellen floß das Leben hin, und tränkte
Das Gold der Spange, die Tehminen Rostem schenkte.
Er zog der Spange Gold, besetzt mit den Rubinen
Vom Blut des Sohns, hervor, selbst mit blutlosen Mienen,
Und rief: Suhrab, mein Sohn! Weh Rostem und Tehminen!
107.
Dumpf einen Augenblick in seines Jammers Füllen
Hinstarrte Rostem noch, dann hub er an zu brüllen.
Alswie ein Tiger brüllt, wann er, im Busch verhüllt,
Gelaurt auf einen Raub, von heißer Gier erfüllt:
Er lauert auf ein Rind, das von der Rinderherde
Dem grünen Busche nahn, und ihm verfallen werde.
Inzwischen geht einher des Tigers einzges Junges,
Das er im Neste glaubt, untüchtig noch des Sprunges.
Das kommt dem Busche nah, worin sein Vater lauert;
Der hört den Tritt im Gras, und ist von Lust durchschauert.
Er denkt: Da ist das Rind! und stürzt, vor Gierde blind,
So denkt er, auf das Rind, und stürzt aufs eigne Kind.
Dann siehet er, was ihm die blutgen Branken füllet;
Da bricht sein Tigerherz; und wie er nie gebrüllet,
So brüllt er: wie er nie gebrüllt in Wut um Blut,
Brüllt er nun um des Sohns vergoßnes Blut in Wut.
So brüllte Rostem jetzt, bis, sein nicht mehr bewußt,
Er hinsank atemlos an seines Sohnes Brust.
Ohnmächtig sank er hin, in Ohnmacht lag er da;
Das erstemal, daß dieß im Leben ihm geschah!
Erschöpft war seine Macht, und seine Kraft gebrochen,
Die Kraft, die er solang im Mark der alten Knochen
Getragen, samt der Kraft, die ihm aufs neu geworden
Recht eigentlich dazu, den eignen Sohn zu morden.
So lag er bei dem Sohn, selbst einem Toten gleich,
Und bei ihm lag der Sohn, im Antlitz todesbleich,
Im Antlitz todesbleich, am Herzen todeswund, Mit Rosen seines Bluts blümend den grünen Grund.