Rostem und Suhrab

Friedrich Rückert · Kapitel 89 von 113

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Rostem und Suhrab

Kapitel 94

Ich dacht, er sollte nur sogleich vom Sattel fliegen,

Wie soviel andre schon ich sah im Staube liegen.

Doch wenn ein Berg im Grund wird wanken von dem Wind,

So wird vom Sattel nicht wanken das edle Kind.

Für heute hat die Nacht nun unsern Kampf geschieden;

Ich weiß nicht, ob ers war, ich war es wol zufrieden.

Und wenn er morgen mir wird zum Kampfplatze kehren,

Hab ich für Irans Ruhm und meinen mich zu wehren.

Denn so bedangen wir: dort wieder zu erscheinen,

Wie heut mit Heergeleit, ein jeder mit den Seinen.

Dort soll zu Fuß ein Faust- und Ringkampf uns vereinen;

Dann seht ihr, welches Heer muß seinen Mann beweinen!

Heut aber ziemt es uns, die Sorgen wegzuwischen,

Für morgen auf den Kampf die Herzen anzufrischen;

O König Keikawus, laß neuen Wein auftischen!

 

94.

 

So sprach er, und sein Wort macht' alle Gäste staunen;

Dann tranken sie mit ihm, und wurden froher Launen.

Sie tranken ihm auf Glück und Sieg die Becher zu,

Und suchten, wohlbezecht, in Zelten Schlaf und Ruh.

Doch Rostem, als er in sein Zelt gekommen war,

Sprach er noch in der Nacht zum Bruder: O Sewar!

Heut haben wir im Feld des Kampfes dieß gesehn;

Und Niemand sieht voraus, was morgen wird geschehn.

Sobald am Himmel dort der Sonne goldner Schild

Hervortritt, tret ich an den Gang ins Schlachtgefild.

Du laß in Gottes Hut, allein mit meinem Mut,

Mich gehn, und halte du mein Sabulheer in Hut.

Wenn ich den Feind erleg in diesem Waffengange,

Nicht auf der Walstatt werd ich dann dir säumen lange.

Doch anders wenn ergeht der himmlische Bescheid,

Vollführe du kein Weh, und mache du kein Leid!

Einbrechen sollt ihr nicht, um meinen Tod zu rächen,

Ins Feindesheer; ihr sollt nach Sabul gleich aufbrechen;

So sollt ihr unterwegs, und so zu Hause sprechen:

So war es ihm verhängt an seines Alters Rand,

Daß seinen Tod er fand von eines Jünglings Hand.

Zur Mutter dort im Ton der Tröstung sollst du sagen:

Um Rostem, deinen Sohn, sollst du zusehr nicht klagen!

Soviel erschlug er schon, und ward nun auch erschlagen.

Du wurdest alt, und sahst alt werden deinen Sohn;

Nun lebe länger noch, wenn er gestorben schon!

Er hat sein Werk getan, und hat nun seinen Lohn.

So manches Abenteur im Heldenungestüm

Bestand er, Ungeheur und Riesenungetüm.

So manches feste Schloß mit Mauerkranze brach er,

So manchen Mann vom Ross mit seiner Lanze stach er.

Doch an des Todes Schloß am Ende pochen muß,

Wer immer auf ein Ross gehoben seinen Fuß.

In diesem Jagdrevier ist ungejagt geblieben

Kein Jäger, ewig hier kein Treiber unvertrieben;

Ein Freibrief ward auch mir vom Himmel nicht geschrieben.

Sewar! zum Schlaftrunk gib mir noch den Becher Wein,

Und laß das Uebrige dem Glück empfolen sein!

So sprach er, und die Nacht ward mit Gespräch von Schlacht

Und Suhrab halb, und halb mit Ruh und Schlaf verbracht.

 

Zwischen-Dekoration