Rostem und Suhrab

Friedrich Rückert · Kapitel 67 von 113

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Rostem und Suhrab

Kapitel 72

Doch Suhrab rief: O weh! gebrochen ist ins Rund

Der Herde Nachts ein Wolf, weil Hirte schlief und Hund;

Der Widder stolzesten hat er zu seinem Raub

Erkoren, nieder ihn geworfen in den Staub!

Verschlafne Hirten, auf! und unwachsame Hunde!

Nun nach dem Räuber macht mir im Geheg die Runde!

Da spürten sie mit Macht umher rings in der Nacht;

Es hatte sich der Wolf längst aus dem Staub gemacht.

Doch Suhrab kam zurück zu seinem Platz beim Feste;

Da saß er traurig nun, und traurig alle Gäste.

Er sprach: Es freuet mich nun hier der Sitz nicht mehr;

Denn mir zur rechten Hand der Platz ist traurig leer,

Wo der geseßen, den zum Freund mir mitgegeben

Die Mutter selber, die mich lieb hat wie ihr Leben.

In Iran sollt er hier den Vater kund mir tun;

Er kont es ganz allein; wer tut nach ihm es nun?

Er sprachs, und aus der Hand ließ er den Becher sinken;

Da schämte jener sich, der saß zu seiner Linken.

Sich schämte Baruman, den dort Afrasiab

Dem Suhrab nicht aus Lieb und nicht zum Heil mitgab.

Er hätt ihm auch wie Send den Vater können zeigen;

Er kant ihn ja! doch mußt und wollt ers ihm verschweigen.

Doch Suhrab rief, und hob den vollen Becher hoch:

Ich trink in dieser Nacht den letzten Becher noch,

Mit blutigem Gelübd erfüllt, anstatt mit Wein,

Daß Sends Ermordung nicht soll ungerochen sein!

Den Mörder Sends will ich erforschen, wer er sei,

Ihn morden für den Mord, wohnt soviel Kraft mir bei!

Wonicht, so werde Gift der Wein mir in den Adern,

Und jeder Tropfe Blut soll mit dem andern hadern!

Doch nicht mit Einem sei die Schuld ihm abgetragen;

Zur Sühne Sends will ich ein ganzes Heer erschlagen.

Allein vor allen soll erfahren meinen Groll,

Wer Send erschlug, versehrt hat er mich schmerzensvoll.

Er riefs, und wußte nicht, auf wen er also grollte,

Und daß er nicht den Schwur an ihm erfüllen sollte.