Rostem und Suhrab
Kapitel 110
Gurdaferid, so ist ein schönes Weib genant,
Die hat unlängst mich hier mit Waffen angerant,
Und mir verheißen, daß um mich sie wollte weinen,
Wann Rostem mich erlegt; das mag sie nun bescheinen!
O daß nicht bitterer die Mutter weinen müßte,
Wenn sie nun statt des Sohns die goldne Spange küsste!
Die Spange send ihr nur, mein Ross und meine Waffen;
Doch meinen Leib sollst du von hier nach Sabul schaffen
In deine Fürstengruft! und hier dein grünes Zelt
Spann über mir! so nem ich Abschied von der Welt.
Ich kam alswie ein Blitz, und gieng alswie ein Wind;
Nun, Rostem, sieh mit einem Blick noch an dein Kind!
Und mit gelindem Ton, eh mir die Kraft entflohn
Zu hören, nenne mich Suhrab, Tehemtens Sohn!
110.
Er sprachs, und Rostem schwieg; er öffnete den Mund
Zu reden, aber zugeschnürt war ihm der Schlund.
Hinstarrt' er schweigend auf des jungen Dochts Verglühn.
So sieht ein Wanderer das Abendrot verblühn,
Das seinem Wege noch als letzte Fackel lacht;
Die Fackel lischt, und um ihn her ist finstre Nacht:
So war für Rostem bald nun ganz hinweggenommen
Des Lebens Lust, sobald das Leben dort verglommen.
Doch näher kam der Klang und Waffengang der Schar,
Und Rostem sprang empor, zerrüttet wie er war.
Von seinem Sohn hinweg entgegen trat er ihnen,
Mit Staub auf seinem Haupt, und Jammer in den Mienen;
Nie den Iraniern war Rostem so erschienen.
Allein sie sahen, daß am Leben Rostem sei,
Und übers ganze Heer erscholl ein Freudenschrei.
Wie eine Reiterschaar, die über ihrem Haubte
Die Fahne wieder sieht, die sie verloren glaubte,
Jauchzt, daß gerettet ist die Fahn, obgleich zerfetzt;
So jauchzten sie dem tiefgebeugten Helden jetzt.
Doch als er näher kam, sprach er, von Grimm und Gram
Zugleich bewegt, zugleich erregt von Stolz und Scham:
Ihr Fürsten Irans all und Edlen, kommt heran,
Und seht, was Rostem hier für Irans Ruhm getan!
Den Helden Turans, der sein Haupt im Himmel trug,
Den Schrecken Irans schlug Tehemten schwer genug.
Ich hab in Tag und Nacht geschlagen manche Schlacht,
Doch meinem Ruhm nie solch ein Opfer dargebracht.
Iranier, für euch hat Rostem hier geschlachtet
Den Suhrab, seinen Sohn, damit ihr ihn betrachtet!
Er sprachs, da war verstummt ihr Jauchzen in Entsetzen;
Er sprachs, ohn eine Wang, ein Auge nur zu netzen.
Sie sahn in seinem Blut den jungen Helden liegen,
Den Adler, dessen Mut zur Sonne war gestiegen;
So schön, so groß, so frei, so edel, kühn und stark,
Ob schwach auch, todesmatt, der Kern von Rostems Mark.
Sie riefen: Weh, daß solch ein Schmuck der Welt verdorben!
Er sah ihn an und sprach: Er ist noch nicht gestorben,
Und soll nicht sterben! Geh, Guders, zu Keikawus,
Und bring dem Könige von Rostem Bitt und Gruß.
Den Lebensbalsam, der des Todes Wunden stillt,
Der tropfenweis der Höl im Kaukasus entquillt,
Hat er in seinem Schatz; davon soll er mir geben
Drei Tropfen, daß Suhrab, mein Sohn, mir bleib am Leben!
Zwischen-Dekoration