Rostem und Suhrab
Kapitel 29
Wielange treiben willst du dieses Knabenspiel?
Du triffst mit jedem Pfeil, und jeder fehlt das Ziel.
Wir Türken ließen euch solang in Ruhe sitzen,
Ihr Perser, um den Pfeil mit Zierlichkeit zu schnitzen;
Am groben Erze nun stumpft ihr die feinen Spitzen.
In deinem Bienenkorb, wieviel hast du noch Bienen?
Hier eingetragen wird kein Honig dir von ihnen.
Du magst im Frühlingshain ein kleines Vöglein schießen,
Den großen Vogel Greif wirst du damit nicht spießen.
Nun aber laß einmal den eitlen Zeitvertreib,
Und, bist du nicht ein Weib, geh mir als Mann zu Leib!
29.
Er riefs, und übern Arm warf sie des Bogens Sennen,
Und gegen Suhrab nun ließ sie den Schlachtgaul rennen.
Anlegte sie den Schaft der Lanze so mit Kraft,
Es wäre nicht der Stoß zu nennen mädchenhaft,
Hätt er getroffen nur; doch Suhrab bog geschwind
Zur Seite Leib und Ross, der Stoß gieng in den Wind.
Nun schwang er hinter sich den eignen Sper behende,
Und an den Gegenmann legt' er das untre Ende;
Daran ein Haken war, der nicht so leicht sich bog,
Wenn einen Gegner er damit vom Sattel zog.
Vom Sattel lüpft' er sie wie einen Federball;
Es fehlte noch ein Ruck, so kam ihr Stolz zu Fall.
Doch Gurdafrid nam war, wie sie gefährlich schwankte,
Und zog ein kurzes Schwert, dem sie die Rettung dankte.
Sie hieb den Schaft entzwei, der sie vom Sitze schob,
Und wieder saß sie fest, daß Staub vom Sattel stob.
Zwar die Besinnung nicht, und nicht das Gleichgewicht,
Verloren hatte sie jedoch die Zuversicht.
Sie sah, daß sie nicht war für diesen Kampf der Mann;
Die Zügel zuckte sie dem Rösslein, und entrann.