Rostem und Suhrab

Friedrich Rückert · Kapitel 51 von 113

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Rostem und Suhrab

Sechstes Buch.

S e c h s t e s B u c h .

 

54.

Die Fürsten sahn ihm nach, verstöreter Geberde;

Denn Rostem war der Hirt, sie alle seine Herde.

Zu Guders sprachen sie: Guders! dieß ist dein Teil;

Durch deine Hand nur kann der Bruch uns werden heil.

Der König hört von dir am ersten noch ein Wort,

Und deiner Söhne Heer sind ihm ein werter Hort.

Geh hin zum Schah, und auf die Flamme seines Zornes

Spreng einen kühlen Thau aus Füllen deines Bornes!

Sprich Worte lind und stark, ihm zur Beschwichtigung,

Zu dieser mislichen Ergangs Berichtigung!

Gew, aber du sitz auf, und reit dem Schwäher nach,

Hol ihn uns ein, eh er nach Sabul heimfärt jach!

Der Gew saß auf und ritt, zusammen saß der Rat

Der Fürsten, weil den Gang Guders zum Schloß antrat.

Sie sprachen unter sich voll Kummer und Verdruß,

Daß heute nicht der Schah that, wie ein König muß;

Daß er mit raschem Wort solch einen Mann gekränkt,

Den zu beleidigen ein Kluger sich bedenkt.

Der Edlen Freundschaft müß ihm wol nicht nahe gehn,

Daß er so rücksichtlos beschimpft den Edelsten!

Der auf den Thron ihn hob, und der in jeder Far

Die Stütze seines Throns und Irans Zuflucht war!

Wenn an den Galgen er dafür will Rostem henken:

An was dann sollen wir, als schnelle Flucht nur, denken?

Denn ohne Rostem ist in Iran uns kein Halt,

Erliegen werden wir vor Turans Kampfgewalt;

Wenn nicht noch diese Nacht der Schah sich läßt erbitten,

Ihn zu besänftigen, eh er nach Haus geritten.

So ratlos hielten dort die Fürsten ihren Rat,

Indess Guders hinan zum zorngen König trat.

 

55.

 

Er sah ihn auf dem Thron in düsterm Unmut sitzen, Gleich einer Wolke, die sich hat erschöpft mit Blitzen,

Geneigt, nachdem sie ausgewettert hat, zu regnen;

So wagte Guders ihm mit Worten zu begegnen:

O Fürst, ein König ist Haupt über Volk und Land;

Der Kopf soll haben für den ganzen Leib Verstand.

Wer guten Rat nicht hat, soll guten Rat annemen,

Und schlimmgemachtes gut zu machen sich nicht schämen.

Du hast ein harsches Wort zum Schaden und zur Schmach

Entsendet, send ihm auf dem Fuß ein sanftes nach!

Du hast mit raschem Wort solch einen Mann gekränkt,

Den zu beleidigen ein Kluger sich bedenkt.

Nicht gegen Rostem hast du deinen Zorn bezämt;

Die Edlen, weil sie ihn beschimpft sehn, sind beschämt:

Gestumpft ist Irans Schwert, des Mutes Arm gelämt.

Wenn jener Türke nun mit seiner Heermacht Wellen

Daherbraust, welchen Damm willst du entgegen stellen?

Der Gesdehem, der all die Deinen groß und klein

Von Hörensagen kennt, und kennt von Augenschein,

Sagt, daß dem Suhrab gleich in Iran kein Verwegner

Noch Turan sei, für ihn sei auf der Welt kein Gegner,

Als Rostem, den du nun durch ungestüme Hast

Des Herzens dir, dem Land und uns entwendet hast!

Warum? weil einen Tag zulang er ausgeblieben,

Hast du ihn lieber gar auf immer fortgetrieben!

Weil er drei Tage lang zu Haus uns hat gesäumt,

Sehn wir das Feld der Schlacht nun ganz von ihm geräumt!

Die Fürsten alle, die Heil wünschen deinem Thron,

Die Fürsten all, o Fürst! Ferabors auch, dein Sohn,

Einmütig haben sie zu deines Thrones Stufen

Mich hergesandt, zu flehn, Rostem zurück zu rufen!

Ferabors schützt dich nicht, dein Sohn, o Keikawus,

Wie stark er sei, dich schützt nicht dein Kronfeldherr Tus,

Noch all die andern sonst, die deinem Zepter fröhnen;

Ich schütze selbst dich nicht mit meinen achtzig Söhnen.

Sie werden alle nicht schnell wie Hedschir erliegen,

Doch ohne Rostem sind wir nicht im Stand zu siegen.