Rostem und Suhrab
Kapitel 113
Dafür mit deinem Blut hab ich mein Erz getränkt!
Ich habe dich als Feind bewundert und beneidet,
Und finde dich als Sohn, daß mirs das Herz durchschneidet.
Dazu ward meinem Leib die Jugendkraft erneut!
Doch unerneubar nun brach sie mit dir mir heut.
Durch dich den größten Schmerz, durch dich hab ich erlitten
Die größte Schmach: erniedrigt hab ich mich zu bitten!
Zu bitten einen Schah, von dem ich war gewohnt,
Gebeten selbst zu sein, seitdem durch mich er thront.
Um dich demütigt ich dieß stolze Haubt in Staub,
Und habe nicht dadurch dem Tod geraubt den Raub!
Das laß die Sühnung sein, o Sohn, für alle Kränkung,
Die dir der Vater tat, nach unsrer Sterne Lenkung!
So wars verhängt, daß, der sein Haupt im Himmel trug,
Es brächt in Staub dadurch, daß er sein Kind erschlug.
113.
So klagt' er in der Nacht, und um ihn klagend saßen
Die Fürsten her, die heut den Schmaus der Nacht vergaßen.
Voll war von Tröstungen der weisen Freunde Mund,
Vergebens, Rostem war um seinen Sohn herzwund.
Er hielt in seiner Hand die blutgenetzte Spange,
Und sprach zu ihr: Du kalte, glatte, gelbe Schlange!
Du hast mit deiner giftgen Heimlichkeit gestochen
Das Herz des Sohnes, und des Vaters Herz gebrochen.
Du selber brachest nicht; was hast du nicht gebrochen
Dein tötlich Schweigen, und der Rettung Wort gesprochen?
Dem Vater kontest du, daß der sein Sohn sei, sagen!
Warum hat er versteckt im Busen dich getragen?
Warum antwortet ich nicht seinen Liebesfragen?
Nun muß des Unglücks Schuld die arme Spange tragen!
Die Schuld trägt mir der Rachs, der Rachs, der, als ich schlief
Dort müde von der Jagd, sich im Geheg verlief,
Der von den Türken dort sich fangen ließ und füren Zur Stadt, wohin ich dann nachgieng, ihn aufzuspüren.