Rostem und Suhrab
Kapitel 37
Er schriebs und siegelte, und gab geschwind den Brief
Dem Boten, der damit die Nacht durch eilig lief.
Aufstand der alte Vogt sodann vom Schreibeplatz,
Und raffte sein Gesind zusammen und den Schatz,
Gurdaferid voran, um diese war ihm bange,
Mit allen wandt er sich zum unterirdschen Gange,
Der, ihm allein bekant, zur Burg hinaus weit fürte,
Und Niemand ward gewar, wie er den Bündel schnürte.
Er zog mit seiner Schaar bei Nacht ein gutes Stück,
Und nur wehrloses Volk ließ er im Schloß zurück.
Als nun der Tag brach aus der Nacht zerrißnem Flor,
Stürmte mit seinem Heer Suhrab den Berg empor.
Sie drangen bis ans Tor der Burg ohn Aufenthalt,
Niemand trat in den Weg der stürmenden Gewalt.
Da hielten sie vorm Tor, kein Atem war darinnen,
Und sahn zur Zinn empor, kein Leben auf den Zinnen!
Suhrab in Ungeduld faßt' einen Felsenstein,
Schleudert' ihn gegens Tor, und brach den Eingang drein.
Zu Ross sprengt' er hinein, alswie der lichte Tag,
Ins Torgewölb, in dem noch Nacht und Schweigen lag;
Das Schweigen ward geweckt von seinem Rosshufschlag.
Der Widerhall nur ward vom Waffengruße wach,
Kein andrer Widerpart schuf ihnen Ungemach.
Sie wunderten sich selbst, wie leicht sie eingenommen
Die Burg, und fragten sich, wohin der Feind gekommen?
Doch Suhrab hatte statt des Feindes an dem Ort
Die Freundin auch gesucht, und fand: sie war nicht dort.
38.
Wie sich ein Knabe müht, daß er den Baum ersteige,
Wo er ein Vogelnest weiß auf dem höchsten Zweige;
Am Abende zuvor hat er sich vorgenommen:
Bei frühstem Morgen wird der hohe Baum erklommen. Wen beßer könnten wir zur Auskunft uns erlesen?