Rostem und Suhrab
Kapitel 28
Das thut die Zauberin dort oben an der Zinne!
Die nam durch Zauber hin nur erst des Einen Sinn,
Und schon durch Minne reißt sie auch den andern hin.
So möge sie, wo sie den ersten fallen sah,
Den zweiten liegen sehn, wann ich ihm komme nah!
Er sprachs, und wendete vom Platz des Kampfes fort
Den Blick zur Burg hinauf, und suchte jene dort:
Es wundert' ihn, daß sie nicht stand am vorgen Ort.
Er dachte, daß sie dort noch immer an der Zinne
So müßte stehn alswie sie stand vor seinem Sinne.
Er wußte nicht, daß sie, anstatt ihm zuzusenden
Frohnkämpfer, selbst zum Kampf sich liefre seinen Händen.
28.
Doch Gurdafrid besann sich auch, als sie den Mann
Zu Rosse halten sah, dem nicht Hedschir entrann.
Zu schwenken sie begann ihr mutges Rösslein leise,
Daß sie erst ihren Feind im weitern Kreiß umkreiße.
Reizend die Kampfbegier Suhrabs, und spottend ihr,
War sie nicht hier noch dort, war sie bald dort bald hier.
So wie ein Krähenschwarm den Adler, wo er schwebt,
Umschwärmt, und ein Geschrei von jeder Seit erhebt;
Sie sind ihm, wo er fliegt, nah überall vom weiten,
Und ihrer Zungen Pfeil trifft ihn von allen Seiten:
So kam dort von der Hand Gurdaferids, vom Bogen,
Den sie hielt unverwandt, Pfeil über Pfeil geflogen.
Ihr Köcher war ein Meer, und schöpfte nie sich leer,
Er war ein Lagerwall, der ausspie Heer auf Heer;
Und Suhrabs Rüstung ward von leichten Spitzen schwer.
Sie hafteten an ihm, und konten nicht ihn ritzen,
Sie dienten nur das Blut des Helden zu erhitzen.
Erst achtet' er ein Spiel der Tropfen Sprüheregen,
Den er abschüttelte, dann wards ihm ungelegen, Und mit erhobnem Schild im Zorne rief der Degen: