Rostem und Suhrab

Friedrich Rückert · Kapitel 85 von 113

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Rostem und Suhrab

Kapitel 90

 

Sie ritten nah sich auf den Leib, und legten Hand,

Zu ringen, einer an des andern Gürtelband.

Wann sonst im Rossringkampf Rostem saß auf dem Rachs,

War er wie Erz, und, was zur Hand ihm kam, wie Wachs.

Doch nun legt' er die Hand an Suhrabs Gürtelband,

Und staunte, daß er fand solch einen Widerstand.

Wie nicht ein Bergfels wankt, den eine Schlang umflicht,

In Rostems Armgeflecht so wankte Suhrab nicht.

Wo Rostem matt ließ ab, fieng mutig an Suhrab;

Doch auch vergeben war die Müh, die er sich gab.

Wie nicht der Erdleib schwankt, weil ihn der Arm umflicht

Der Luft, so schwankte nicht Rostem im Gleichgewicht.

Da ließ der Sohn erzürnt den starken Vater faren

Am Gürtel, und ergriff ihn an dem Schopf von Haaren,

Der, halbergraut, doch straff drang unterm Helm hervor;

Daran vom Sattel hofft' er ihn zu ziehn empor.

Doch Rostem saß wie Blei im Sattel, wie ein Stück

Von Erzguß; nur das Haar blieb in der Hand zurück.

Suhrab fand in der Hand das Haar, und rief erschrocken:

Du unbezwinglicher mit schon ergrauten Locken!

Du spannst die Glieder unnatürlich an mit Krampf;

Was suchest du, o Greis, mit einem Jüngling Kampf?

Ein alter Mann, wennauch sein Wuchs wär eichbaumschäftig,

Mit einem jungen ist er doch zum Streit unkräftig.

Dein Thier auch unter dir hat seinen Mut verloren,

Und wie ein Esel läßt es hangen seine Ohren.

Vor meinem Hengste sucht' es gern das Heil in Flucht,

Und ihm verbietet es nur seines Reiters Wucht;

Doch mir verbeut den Kampf mit dir nun Scham und Zucht.

Als ich das graue Haar in meiner Hand gewart,

War mirs als legt ich Hand an meines Vaters Bart.

Sind denn um uns im Feld nicht andre Kriegerhaufen?

Was müßen wir allein uns mit einander raufen!

So sprach der junge; doch der alte sagte nichts,

Er wendete sich ab ergrimmten Angesichts.