Rostem und Suhrab

Friedrich Rückert · Kapitel 78 von 113

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Rostem und Suhrab

Kapitel 83

 

 

Suhrab vom Walle rief hinab ins Lager tief,

So laut, ihn hörte wol, wer nicht im Grabe schlief:

O Schah von hoher Macht, du rühmst dich großer Pracht

Im Lager, doch wie steht dein Ding im Feld der Schlacht?

Mußt du dein starkes Heer in einen Pferch einsperren?

Schützt keiner deiner Knecht' im freien Feld den Herren?

Dein Volk von Schafen fleucht in seinen Stall, verkreucht

Sich hinterm Wall, und keucht vor Angst, vom Wolf gescheucht.

Hier komm ich zu dir her geritten mit dem Speer,

Den zuck ich, so durchzuckt der Tod dein ganzes Heer.

Ich habe gestern laut um Send den Schwur beim Wein

Getan: Wer ihn erschlug, der soll nicht lebend sein!

Der heimlich in der Nacht den Send mir umgebracht,

Umbringen will ich ihn am Tag in offner Schlacht.

Wenn du den Recken kennst, der ihn erschlug, so send

Ihn her, daß ich erschlag ihn, der mir schlug den Send!

Und ists nicht der, so seis ein anderer, der scharf

Von Mut und Waffen ist, und mir begegnen darf!

Doch wenn aus deinem Pferch hervor, mit mir zu streiten,

Gar keiner will, so will ich in den Pferch einreiten,

Das Lager mitten durch, bis an das goldne Zelt,

Vor dessen Eingang Löw und Tiger Wache hält.

Vor den Türhütern soll mir nicht beim Eintritt bangen,

Und mit dem Speer will ich die Sonn herunter langen.

Den Geierkrallen soll die goldne Sonn entfallen,

Und vor der Hündlein Maul will ich den Maulkorb schnallen.

Ich will dir überm Haupt alswie ein Sturmwind rütteln

Das goldne Dach, und wenn du drunter schläfst, dich schütteln!

So rief er; Keikawus sprang auf und rief erschreckt:

Wer hat dem Wütenden das Königszelt entdeckt?

Ihr Edlen all! eilt mir zu Rostem hin! der Mann

Ist er allein, der diesen Knaben bändigen kann.