Rostem und Suhrab
Kapitel 66
Halt, von der Burg gedeckt, und an die Burg gelehnt,
In Schirm das Heer; und wenn dein Herz nach Ruhm sich sehnt,
So ruf zum Einzelkampf solch einen Mann für alle,
Mit welchem, wenn er fällt, der Stolz von Iran falle!
Ruf einen nur, den du vor allen siehest ragen,
Und fäll ihn ohne viel zu sagen und zu fragen.
Sag ihm nicht, wer du bist; frag ihn nicht, wie er heißt;
Bis das Geheimnis ihm dein blutig Schwert entreißt. –
So sprach er wolbedacht, mit Wahrem Falsches mischend,
In Rates Honigseim Verrates Gift auftischend.
Den Rostem nannt er nicht, vor Rostem zittert' er,
Noch von Masenderan kannt er den Rostem her.
Den Rostem wollt er nun und Rostems Sohn verderben,
Zwei solche Helden! das zwang ihn sich zu verfärben.
Doch Suhrabs Seele war von reinem Mut erglüht,
Darum der Rose gleich war seine Wang erblüht.
Vom Walle stieg er froh hinab, vom Schenken nam
Er einen Becher Wein und leert' ihn ohne Gram.
Dann rüstet' er ein Maal mit Lauten und mit Leiern,
Um in der Freunde Kreiß des Feinds Ankunft zu feiern.
66.
In Irans Lager war inzwischen Zelt an Zelt
Gepflanzt, und drein gedrängt das Leben einer Welt.
Es war als müßte Raum den Rossen und Kamelen
Und Elefanten all, geschweige Futter, felen.
Doch wie der Lagerwald begann nach allen Seiten
Zu wachsen und im Kreiß den Umfang auszubreiten,
Schloß Reih an Reihe sich geschickt, und sie vergaßen
In ihrer Zeltstadt auch Marktplätze nicht und Straßen.
Da wogte bald Verkehr geschäftig hin und her,
Und die Verwirrung ward zur Ordnung immer mehr.
Die Sonne gieng hinab am abendlichen Himmel,
Und sah mit Staunen noch auf Erden das Gewimmel.