Rostem und Suhrab

Friedrich Rückert · Kapitel 96 von 113

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Rostem und Suhrab

Kapitel 101

Da kniet' er auf der Brust des Vaters, und besann

Sich selber nicht, wie er die Oberhand gewann.

Da zuckt' er rasch den Dolch, und, ohne dran zu denken,

Wollt er den kalten Stahl ins Herz des Vaters senken.

 

101.

 

Rostem, aufblickend, sah das nahe Ungemach

Schweben ob seinem Haupt, und rief: Gemach, gemach!

Gemach! was willst du tun? Bist du aus Heldensamen,

So schände deinen Ruhm nicht jetzt und deinen Namen!

Du kommest her und stammst aus wilder Türken Mitte:

Nach Iran kommst du, kämpfst, und kennst nicht Irans Sitte.

Die Sitt ist hier zu Land, daß, wer den Kampf mit Ringen

Beginnen mag, und in den Staub den Gegner bringen;

Das erstemal, da er ihn an den Boden legt,

Umbringet er ihn nicht, wie sehr ihn Zorn bewegt.

Ihn schelten würde man und seinem Namen fluchen!

Mit einem zweiten Gang läßt ers den Feind versuchen.

Vermag er dann zu Fall ihn wiederum zu bringen;

Dann ists erlaubt, ist Sitt und Recht, ihn umzubringen.

So sprach er, ob villeicht er sei durch List errettet

Vom Gegner, unter dem er unsanft lag gebettet.

Suhrab hielt zweifelnd inn, und sprach: Ich habe nicht

Von dieser Sitt im Land vernommen den Bericht.

Sag an, ob wirklich so es alle Helden halten,

Obs so gehalten wird von Rostem auch, dem alten?

Doch Rostem sprach: Was geht dichs an, wies Rostem macht?

Nun ja doch! diesen Brauch hat Rostem aufgebracht. –

Wie Rostems Sohn aus Rostems Mund dieß Wort gehört,

Das Schwert zog er zurück, und ließ ihn los, betört:

Einmal, von Selbstvertraun, sodann von Schicksalsfug,

Am meisten aber, weil sein Herz von Großmut schlug;

Sonst hätt ihn nicht allein betört des Vaters Trug.