Rostem und Suhrab

Friedrich Rückert · Kapitel 101 von 113

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Rostem und Suhrab

Kapitel 106

Rostem tat einen Zuck, sein Dolch traf Suhrabs Brust.

 

106.

 

Suhrab sprach todeswund: O ungetreuer Mann!

Das ist der Schonung Lohn, den ich von dir gewann.

Von Rostem hast du mir ein Märchen vorgelogen,

In Rostems Namen um mein Leben mich betrogen.

Doch sei ein Fisch im Meer, ein Vogel in der Luft,

Die Rach ereilet dich, wo ich lieg in der Gruft.

Wenn Rostem das erfärt, und er wird es erfaren;

Nicht wird ihm das Gerücht die Trauerkund ersparen –

Wenn Rostem es erfärt, so gibt er dir den Lohn

Dafür, daß du erschlugst sein und Tehminas Sohn.

Er sprachs und von dem Wort getroffen, Rostem schrak

Zusammen, alsob ihm der Dolch im Busen stak.

Er rief: O Unglückskind, was sagst du? sags geschwind,

Sags recht, wer deine unglückseligen Eltern sind!

Doch Suhrab sprach mit Stolz und Trauer in der Miene:

Ich bin Suhrab, der Sohn von Rostem und Tehmine;

Er Irans Hort, und sie Semengans Frauenzier.

Die Mutter hat mich hergesandt, den Vater hier

Zu suchen, weil er dort solang nicht kam zu ihr.

Die Spange gab sie mir mit als Erkennungszeichen;

Die Spange, die er ihr einst gab, sollt ich ihm reichen.

Die Spange trug ich nicht am Arme; vor Verlust

Sie zu bewaren, trag ich hier sie auf der Brust.

Reiß das Gewand hier auf am Busen, das mich drückt,

Und sieh das Zeichen, das den Sohn von Rostem schmückt!

So sprach er, und vor Weh dem Vater wollt entweichen

Die Seel, und harrte nur noch aufs Erkennungszeichen.

Wegriß er das Gewand, und sah, wie einen Molch

In Rosen, in der Brust dort sitzen seinen Dolch;

Der stak noch in der Wund, als Scheide, die er schloß;

Nun zog ihn Rostem aus, und Suhrabs Leben floß.