Rostem und Suhrab

Friedrich Rückert · Kapitel 37 von 113

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Rostem und Suhrab

Kapitel 39

Heut ist es nun zu spät, bis morgen seis verschoben;

Die Vögel sind im Nest bei Nacht wol aufgehoben.

Er hat die ganze Nacht von seinem Fang geträumt,

Und, mit der Sonn erwacht, das Bette schnell geräumt;

Dann ist er ungesäumt auf seinen Baum geklommen,

Und droben findet er das Nest nun ausgenommen.

Er weiß nicht, ob zuvor ein andrer Dieb ihm kam,

Oder die flücke Brut den Flug vom Neste nam.

Eischalen findet er und ein zerstreut Gefieder,

Und traurig klettert er vom hohen Stamme wieder:

So traurig kletterte dort Suhrab auf und nieder

Durchs öde Mauerwerk der ausgestorbnen Veste,

Und fand den Vogel, den er suchte, nicht im Neste.

Er fand nicht Gurdafrid, wo er sie sucht' im Schloß,

Er fand den wehrlos nur zurückgelaßnen Troß.

So traurig sank er nun herab vom hohen Baume

Der Hoffnung, den er kühn erflogen hatt im Traume;

Er suchte, die er liebt', im weiten leeren Raume.

Er rief: Könnt ihr mir nicht, ihr stummen Wände, sagen,

Wohin ein Sturm sie hat, ein Flügel sie getragen?

Ist sie verschwunden, wie ein Traumbild ohne Spur?

Erscheinung glänzende, die mir vorüber fur!

Wo bist du? wer bist du? wie, sprich, nenn ich dich nur?

Das macht den Unmut mir im Herzen doppelt heiß,

Daß ich auch nicht einmal von ihr den Namen weiß.

Mich däuchte, kühlen würd es schon der Sehnsucht Brennen,

Wenn ich dem Winde nur dürft ihren Namen nennen! –

Er dachte nicht daran, den Troß der Burg zu fragen;

Was, dacht er, können die von meiner Liebe sagen?

 

39.

 

Da rief er seiner Schaar: Geschwind, und holet mir

Herauf aus seiner Haft vom Lager den Hedschir!

Er ist ja gestern noch hier oben Herr gewesen;

Er soll des leeren Nests Gelegenheit uns deuten;

Verborgne Schätze sind gewis hier zu erbeuten.

Er riefs, und jene trieb nach Schätzen die Begier

Geschwind den Berg hinab, sie holten den Hedschir.

Er kam, und Feßeldruck beschwerte seine Glieder,

Doch schwerer noch drückt' ihn Gefühl der Scham danieder;

Denn frei hier war er einst, und kam gefangen wieder.

Doch auf die Seite nam ihn alsobald Suhrab,

Mit sanften Worten nam er ihm die Feßeln ab:

Du bist, so frei du hier gewesen, wieder jetzt,

Sogleich auf diese Burg von mir als Vogt gesetzt,

Wenn ohne Hinterhalt du mir den Namen nennest

Von einer, die du nur zu gut, ich weiß es, kennest,

Und sagst du mir, wo sie ist, wo ich sie finden mag?

Denn ohne sie will ich nicht bleiben einen Tag!

Er sprach es, und das Wort war für Hedschir ein Schlag.

Zur Antwort gab er ihm: Wenn dir sie Gott beschied,

Den Namen nenn ich wol, sie heißt Gurdaferid.

Ich staune, wie du selbst, sie nicht zu sehn hier oben;

Wer weiß, wo seinen Schatz der Vater aufgehoben!

Gern würd ich dir den Platz, wenn ich ihn wüßte, sagen.

Sie hat ein Geist entfürt, ein Sturmwind fortgetragen;

Du mußt die Zauberin dir aus dem Sinne schlagen.

Er schwieg, und wußte wohl, auf welchem Weg den Schatz

Der alte Drach entfürt, an welchen sichern Platz.

Doch sein Geheimnis war des Nebenbulers Heil;

Es war ihm um die Burg und um die Welt nicht feil.

Für Persien diese Burg zu halten wäre schön,

Dacht er, und frei als Herr zu walten auf den Höhn;

Doch übel ist der Preis und schlimm die Gegengabe:

Nicht kommen soll durch mich auf ihre Spur der Knabe! –

Vom Vorteil seines Lands und seinem ungerürt,

Vom Wunsch der Freiheit selbst, blieb er von Lieb umschnürt,

Und ward in Feßeln, wie er kam, hinweg gefürt.