Rostem und Suhrab
Achtes Buch.
A c h t e s B u c h .
74.
Doch als vom Morgen ward der Himmel aufgetan,
Stieg Suhrab auf der Burg zur höchsten Wart hinan,
Zur vordersten, wo ganz sich Irans Lager zeigte,
Auf das er sich hinaus begierig spähend neigte.
Dann rief er: Bringet hier herauf mir den Hedschir!
Befragen will ich ihn ums Feindeslager hier.
Weil Send gestorben ist, der heut mir Rostems Zeichen
Kund sollte tun, villeicht tut mir Hedschir desgleichen.
Und als ihm ward Hedschir gefeßelt vorgefürt,
Sprach er, nachdem er ihn mit eigner Hand entschnürt:
Hedschir, ich neme dir die schweren Feßeln ab,
Um das dir zu vertraun, was mir das Herz eingab.
Statt ehrner Feßel wenn der Freiheit goldnen Tag
Du wünschest, sage mir, was ich dich fragen mag!
Die Freiheit nicht allein, auch reicher Lohn ist dein,
Wenn ich erfinde wahr dein Wort und Truges rein.
Doch wenn unlautern Wein du willst im Kruge mischen,
So wirst du nicht der Haft und nicht der Straf entwischen!
Zur Antwort gab Hedschir: Was du willst fragen, frage,
Und traue, daß ich dir die volle Wahrheit sage.
Nicht lügen werd ich jetzt; ich habe nie gelogen.
Warum in deiner Hand wär ich ein krummer Bogen?
Gerade sollst du mich erfinden wie den Pfeil;
Nicht um das Leben selbst ist mir die Wahrheit feil.
Zu ihm sprach Suhrab: Dort im Lager Zelt um Zelt
Werd ich dich fragen um den Helden, der es hält.
Sagst du mir das, so geb ich dir gehäuften Schatz;