Rostem und Suhrab

Friedrich Rückert · Kapitel 43 von 113

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Rostem und Suhrab

Kapitel 46

Er grüßt' ihn schön und sprach: Was bringst du, Tochtermann?

Ein Schreiben von dem Schah! gibs, ob ichs lesen kann!

Er nam den Brief, den er mit Augen überlief,

Dann schwieg er lange Zeit, und dachte nach dem Brief.

 

46.

 

Ich denk an alte Zeit, vergeßen manches Jahr,

Und jetzt erinnr' ich mich, alsob es gestern war.

Wie lange kann es sein? unmöglich ist der Knabe

Mein Sohn, wenn einen Sohn ich in Semengan habe.

Unmöglich, wenn mir dort ein Herz- und Seelerfreuer

Erwächst, ist er bereits ein Mann und Heerzerstreuer.

Jetzt trinket er noch mit milchduftiger Lippe Wein;

Doch ohne Zweifel bald wird er ein Kämpe sein.

Wann seine Zeit kommt, wird sein Arm die Keule schwingen,

An Tapferkeit wird er mit seinem Vater ringen.

Aufblühen neu in ihm wird Rostems Heldenfeuer,

Der Jüngling wird dem Greis der Jugendkraft Erneuer;

Jetzt ist er noch kein Mann der Schlacht und Heerzerstreuer.

Wann er erwachsen ist, wird ihn die Mutter schicken,

Und um den Arm das ihm bestimmte Zeichen stricken.

Erkennen werd ich ihn, und er wird mich erkennen,

Denn meine Zeichen wird ihm auch die Mutter nennen;

Nicht feindlich werden wir uns dann im Kampf anrennen.

Zusprechen wird er mir mit sittigem Zuspruch,

Nicht kommen mit gewalttätigem Gastbesuch,

Nicht mit der Tür ins Haus, ins Land mit Waffen fallen,

Anklopfen wird er erst an seines Vaters Hallen,

Und diese sind ihm aufgetan mit Wolgefallen!

Ich habe keinen Sohn in Persien, um ihn

Als Erben meines Ruhms und Namens zu erziehn,

Als Erben meines Guts und Reichs Sabulistan.

„Ein Türkenknabe taugt nicht zum Reichspehlewan“

Wird Kawus sagen; doch nach Kawus frag ich nicht.