Rostem und Suhrab
Kapitel 105
Das Ganze brauch ich heut; gib her, was du bewart!
Da sprach der Geist: Die Kraft des Menschenkinds, wann sie
Von ihm gewichen ist, kehrt ihm zurücke nie.
Denn keinem kann er sie zur Wiedergabe geben;
Du aber gabest mir die deine aufzuheben.
Wol aufgehoben hier ist sie und aufbehalten;
Viel beßer als bei dir ruht sie in Bergesspalten.
Warum willst du mit ihr dein alterndes Genick
Beladen? Held, du nimmst auf dich ein Misgeschick.
Doch weigern werd ich sie dir keinen Augenblick,
Wenn du sie ernstlich willst, und dreimal sie verlangest;
Allein bedenk es recht, wozu du sie empfangest!
Ich gebe, Stück für Stück, dir deine Kraft zurück,
Ich gebe sie dir, doch zum Unglück, nicht zum Glück.
Laß deine Kraft hier ruhn! du hast der Taten nun
Genug getan: zum Leid wirst du dir eine tun!
Tehemten, ja, ein Leid, ich fürchte, wirst du finden
Durch deine Kraft, davon dir selbst die Kraft wird schwinden.
105.
So unterhandelten sie dort um Rostems Kraft;
Doch Rostems Sohn sah sich im Feld um zweifelhaft,
Und wußte nicht, was er vom Gegner denken sollte,
Der nicht erschien; und ob er heimwerts lenken sollte,
Ob warten noch, bis doch villeicht er wiederkäme,
Damit er heute noch das Leben hier ihm näme!
Am Ende dünkt' es doch das Beste seiner Meinung,
Im Feld zu warten noch auf seines Feinds Erscheinung.
Denn, sprach er, heute früh hat er auf mich gewartet,
Nun wart ich spät auf ihn, so ist es wolgeartet.
Der Abend ist so schön nicht, als es uns versprach
Der Morgen; in der Welt kommt Herbes Frohem nach.
Die Sonne sinkt, und läßt ein blutges Abendrot
Zurück als Abschiedsgruß, den sie dem Leben bot.
Wo aber bleibt der Mann, den ich nicht missen kann?
Ich töt ihn in der Nacht, weil er am Tag entrann!
So sprechend, blickt' er auf, und sah den Rostem kommen,
Alswie ein Meteor trübrötlich angeglommen.
Dem Suhrab schien er ganz verwandelt zauberhaft,
Von wunderbarem Glanz, in voller Jugendkraft.
Mit Staunen grüßt' er ihn, mit Zittern und Verzagen;
Wo er gewesen sei, hatt er nicht Mut zu fragen.
Er fragt': Und ringen wir noch heute vor der Nacht?
Und Rostem sprach: Ei ja! es ist geschwind vollbracht.
Da traten an zum Kampf der Vater und der Sohn;
Der angetan mit Kraft, die diesem war entflohn.
Wie, wann die Sonne sinkt, die Nacht siegjauchzen mag,
Und wann die Nacht erliegt, so triumfirt der Tag:
So mochte Rostem leicht ob Suhrab triumfiren,
Der nicht gewinnen konnt, und jener nicht verlieren.
Da zog die Dämmerung aus Abendwolkenflor
Dem Schauplatz dieses Wehs den dichten Vorhang vor;
Daß von dem Doppelheer, das als Zuschauer nah
Dem Schauspiel war, was da geschah, kein Auge sah.
Da griffen an die zwei, da war es schon getan;
Vom Vater war es ab-, und um den Sohn getan.
Rostem tat einen Ruck, und Suhrab lag im Dust;